Die Weltstadt Auroville

Als in den letzten Jahren immer wieder mal das bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert wurde, war ich verblüfft, dass dabei nie der Name Auroville fiel. Denn in der kleinen Real-Utopie und Experimentalstadt im Südosten Indiens ist dieses bereits Wirklichkeit – ebenso wie einige andere interessante aber auch verschrobene gesellschaftliche, spirituelle und architektonische Ansätze.

Bereits am 28. Februar 1968 gegründet, basiert Auroville auf der Gesellschaftstheorie von Sri Aurobindo – einem bekannten indischen Freiheitskämpfer, Philosophen, Yogi und Guru, dessen Lehre dank des Sri Aurobindo Ashram auch heute noch viele Menschen folgen. Die lässt sich mit Friede, Entfaltung und Glück durch das Zusammenleben und Arbeiten umreißen. Als Aurobindo 1950 starb, trieb seine spirituelle Gefährtin Mirra Alfassa seine Lehre voran und schlug der indischen Regierung eine Stadt basierend auf den religiösen und gesellschaftlichen Grundlagen ihres Glaubens vor: diese war von der Idee angetan und trug das Konzept der "universellen und internationalen Stadt" für den "Fortschritt der Menschlichkeit" durch das "Zusammenbringen von Menschen" an die UNO und UNESCO weiter, die das Projekt 1966 anerkannte und mit Förderungen bedenkt.

Dabei stützt sich die Gemeinschaft von Auroville auf vier Grundsätze, die Wikipedia freundlicherweise in Deutsch zu Verfügung hat:

1 - Auroville gehört niemandem im besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.
2 - Auroville wird der Ort einer Erziehung ohne Ende, ständigen Fortschritts und einer Jugend sein, die niemals altert.
3 - Auroville möchte die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft sein. Durch Nutzung aller äußeren und inneren Entdeckungen wird Auroville zukünftigen Verwirklichungen kühn entgegenschreiten.
4 - Auroville wird der Platz materieller und spiritueller Forschung für eine lebendige Verkörperung einer wirklichen menschlichen Einheit sein.

Daraus folgen einige Teils äußerst interessante Facetten gesellschaftlicher, moralischer und politischer Art. So wurde mit dem Auroville Foundation Act für Auroville eigens ein Gesetz geschaffen, dass sein Fortbestehen, seine Unabhängigkeit und Unantastbarkeit garantiert. Bewohner von Auroville kann grundsätzlich jeder werden; jedoch ist die Stadt für 50.000 Bewohner angedacht – wobei derzeit rund 2000 Menschen dort wohnen: aus aller Herren Länder: Inder, Deutsche, Franzosen, Chinesen... Und jeder von ihnen hat das Anrecht auf ein Grundeinkommen – wenn er sich denn der Mitarbeit ums Gemeinwesen bemüht.

Was mich jedoch besonders fasziniert ist der architektonische Aspekt von Auroville. Denn diese wurde vollkommen von einem Trupp um den Architekten Roger Anger entworfen. Und zwar in Form einer Spiralgalaxie. In geschwungenen Armen erstrecken sich die Gebäude von Innen nach Außen – wobei diese vier Gruppen zugeteilt sind: Kultur, Internationalität, Industrie und Wohnbereich. Im Zentrum der Stadt steht der sogenannte Matrimandir – der Tempel der Mutter -, eine riesige Hohlkugel aus goldenen Platten, dessen Inneres der Meditation und Zusammenkunft dienen soll.

Nun könnte man sagen: 2.000 Bewohner? Seit knapp 40 Jahren bestehen? Das ist nicht viel. Dennoch ist es bemerkenswert, dass diese Modelstadt überhaupt noch existiert. Vergleichbare Projekte sind nicht selten schon nach wenigen Jahren gescheitert; nur Arcosanti in den USA und einige weitere Unternehmungen können eine ähnliche Beständigkeit vorweisen. Auch wurde die Stadt einst von einem Zyklon schwer getroffen, ein Skandal hat die Gemeinschaft erschüttert und das Konzept ist nicht für jeden sofort verständlich. Aber all das hat die Utopie dank seiner umtriebigen Bewohner überstanden. Auroville mag kein überragender Erfolg sein; aber es lässt sich viel daraus lernen. Vor allem was das gesellschaftliche Zusammenspiel betrifft; die Essenz einer langjährigen Gemeinschaft, die gesellschaftliche und kulturelle Grenzen überwinden kann.





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