Der Stufenbrunnen Chand Baori


Das erste Mal habe ich Chand Baori in Tarsem Singhs optischen Meisterwerk The Fall wahrgenommen. Ein Film, der auf zauberhafte Weise epochale Bilderwelten mit einer magischen und anrührenden Geschichte verbindet – kann ich nur jedem wärmstens ans Herz legen. Dabei war mir nicht klar, was das für ein Ort sei: ein mystischer Tempel? Ein Pilger- und Busweg? Nein, bei diesem gigantischen, mit hunderten symmetrisch gegeneinander laufenden Treppen überhäuften Wunderwerk handelt es sich lediglich um einen Brunnen.

Zwischen dem 8ten und 9ten Jahrhundert im Auftrag von König Chanda erbaut, handelt es sich beim Stufenbrunnen des Dorfes Abhaneri im östlichen Rajasthan um einen der ältesten Brunnen dieser Art. Und mit seinen sagenhaften 13 Stockwerken und einer Basisseitenlänge von jeweils 35 Metern gleichzeitig um den größten überhaupt. Dabei wollten die Konstrukteure hiermit kein grandioses Monument schaffen, sondern hauptsächlich das Wasserproblem der Region lösen. Denn erst in 20 Metern Tiefe – so weit ragt das Gebilde in den Erdboden – trifft man in dem trockenen Areal auf Grundwasser, dass sich je nach Grundwasserstand und Regenfällen an den 3500 Stufen langsam nach oben in das Brunnengebilde schiebt.


Hunderte Jahre hat der Stufenbrunnen seinen Dienst erfüllt. Denn es dauerte Lange bis indische Dörfer wie Abhaneri an ein modernes Wasserversorgungsnetz angeschlossen wurden. Daher ist Chand Baori heute freilich nicht mehr in Benutzung. Wieso die Treppen in einer solch perfekten Symmetrie angeordnet sind? Das ist bis heute nicht gänzlich geklärt: vormalig heißt es, so sollte gewährleistet werden, dass jeder Bewohner von jeder Seite an das Wasser gelangen sollte. Und auch bei einem Ansturm von Dürstenden ein Herankommen gewährleistet sei. Doch könnten auch religiöse und Glauben-basierte und freilich einfach ein Sinn für Ästhetik eine Rolle spielen.

Abseits der Wasserversorgung diente der Brunnen auch als Versammlungs- und Erholungsort. Oft trafen sich die Dörfler zum Klatsch und Tratsch. Oder im Sommer zur Abkühlung. Denn aufgrund des Wassers und der tiefen Lage ist's am Boden des Brunnens bis zu 6 Grad kälter als an der Erdoberfläche. Aber – und hier lag ich mit meiner Vermutung nicht so falsch – auch Harshat Mata Tempel ist in die Front des architektonisch einzigartigen Gebäudes eingefasst.

Heute ist Chand Baori eine Touristenattraktion und kann besucht und besichtigt werden – was etwa BLDG Blog kürzlich getan hat. Nur darf man nicht bis an die Basis der Anlage – ein Zaun sperrt das die tiefst liegenden Treppen ab, da der Brunnen immer noch Wasser führt und damit für Unvorsichtige gefährlich werden könnte.




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